Der andere Mann mit Auftrag, wir wollen ihn hier der Einfachheit halber mal Torsten nennen, war auch sehr zufrieden ob der gemieteten Gemächer und diese Zufriedenheit sollte sich noch steigern, als sich ein gewisser René Stern für ihn als Erstrundengegner entpuppte. Sicher, dieser Mensch hatte 2461 gute Ideen auf ihn abzufeuern, aber man wollte ja die Klingen mit den Stärksten kreuzen ("Mess with the best").
So wurde es dann auch eine hart umkämpfte Partie, in der Torsten den an eins Gesetzten mehrfach überraschen konnte, zuschlechterletzt jedoch in Zeitnot unterlag. Hernach war Herr Stern anscheinend so von der Partie aufgerieben, dass er im Kampf um die Preisränge nicht mehr ernsthaft mitwirken konnte.
Der eine Mann, wir nennen ihn spaßeshalber einmal Marc, hatte in der ersten Runde wenig Nöte und das war auch besser so, da der nächste Tag ein echter Hammer werden sollte.
Tag 2 verhieß eine Doppelrunde. Das Bündheimer Schloss lag noch leicht im Nebel, als das Delmenhorster Doppelpack leicht verspätet in diesem feudal, altehrwürdigen Spielort eintraf, der sich vor allem durch recht viel Platz und eine gediegene Atmosphäre auszeichnete.
(Obwohl simultan am selbigen Ort ein Seniorenturnier abgehalten wurde, hatte man nicht das Gefühl, sich mit den anderen insgesamt etwa 120 Schachern ins Gehege zu kommen)
Trotz der Minusminuten hatte Torsten wenig Probleme den Punkt einzufahren, während dem Berichterstatter Marc ein wechselhafter Kampf bevorstand, der sich über fast die maximale Spielzeit hinzog (gespielt wurden 40 Züge in 2 h und 1h für den Rest). Als die Uhr nach der 1. Zeitkontrolle noch ca. 2 Minuten für meinen jugendlichen Gegner (TWZ ca. 2120) und ca. 5 Minuten für mich aufwies, patzte dieser nach vorheriger guter Verteidigung das inzwischen fast remisliche Turmendspiel weg, so dass Marc hier wenigstens die Maximalstrafe des langen harten Kampfes ohne Punktausbeute in der ersten Runde des Tages erspart blieb. Erstaunlicherweise, weil völlig ausgepumpt, spielte ich in der zweiten Tagesrunde wahrscheinlich meine beste Partie des Turniers (gegen TWZ ca. 2150) und hatte somit den Traumstart von 3 aus 3.
Torsten wird die dritte Runde wohl mit gemischten Gefühlen gesehen haben:
Nachdem er gegen einen FM (TWZ ca. 2330) mit Schwarz sukzessive seine Position verbessern konnte, bis hin zu einem leichten Vorteil im Endspiel, blieb ihm, der aufwendigen Verteidigung Tribut zollend, keine Zeit mehr, um den richtigen (aber einzigen) Zug zu ermitteln. Die wohltuende Erkenntnis auch gegen scheinbar übermächtige Gegner mitspielen zu können, wird hier dadurch wahrscheinlich etwas gedämpft worden sein, eben doch verloren zu haben.
Die vierte Runde jedoch brachte den Wendepunkt in negativer Hinsicht für die Delmenhorster Delegation: Marc musste gegen GM Ivanov ran und sich einer positionellen Lehrstunde unterziehen. Unter großem positionellen Druck stellte ich sinnvollerweise dann noch einen Bauern ein, wonach ich spontan eigentlich hätte aufgeben können, mir aber die großmeisterliche Technik nicht vorenthalten wollte. Parallel vollzog sich bei Torsten Ähnliches: Auch hier wurde ein Bauer vom Gegner eingeheimst, den er nicht wiedersah und zudem auch noch auf seinen Schwächen sitzen blieb. Das Ergebnis war also eine Doppelnull in dieser Runde.
Über die letzten 3 Runden möchte ich bei mir mal den Mantel des Schweigens legen. Nur so viel sei gesagt: Es sprangen noch 2 klägliche Remis gegen teils Schwächere, teils klar Schwächere heraus, so dass ich bei wenig beeindruckenden 4 aus 7 einkam.
Invers zu meiner Punkte - und Spielentwicklung riss sich Torsten noch mal richtig zusammen und die sprichwörtlichen DWZ-Kastanien aus dem Feuer, indem er Runde 5 und 6 voll punktete, die 6. Runde sogar mit herrlichem Damenopfer und nachfolgendem Mattangriff brillierte und in Runde 7 gegen knapp 2200 bravourös remis hielt.
Ziemlich ausgepumpt waren wir nach der letzten Runde heilfroh, als uns Ernst Heinemann (aus Oldenburg) anbot mitzufahren. Jener hatte ein hervorragendes Turnier gespielt und sogar in der letzten Runde um den ersten Platz mitgekämpft. Am Ende sprang für ihn ein versöhnlicher 5. Platz heraus, während sein Schlussrundengegner GM Ivanov den 1. Preis mit 6,5 Punkten ergatterte.
Alle Achtung und vielen Dank an dieser Stelle noch mal an Ernie.
Fazit: Wie bei fast jedem Schachturnier hatte man auch Bad Harzburg das Gefühl, jemand hätte die zeitliche Vorspultaste in deiner Lebenswirklichkeit gedrückt: Ist das Turnier zu Ende, meint man die Eröffnungsreden seien eben gerade erst verklungen. Rein schachlich war es für beide DSKler unbefriedigend, da die Wertungszahlen nur knapp bestätigt werden konnten und wir ja eigentlich zünftige Bürstungen verabreichen wollten. Dies gelang nur sehr bedingt.
Vom Fun-Faktor her und von dem, was man an metaschachlichen Erfahrungen (Einstellung zur Partie, Psychologie während des Spiels etc.) aus dem Turnier ziehen konnte war Bad Harzburg jedoch große Klasse. Oder wie Torsten nach der letzten Runde zu seinem desillusionierten Gegner treffend sagte: "Nur der Kampf zählt"